Ein toter Zahn macht sich oft lange gar nicht bemerkbar. Er schmerzt nicht, sieht auf den ersten Blick normal aus – und fällt erst auf, wenn er sich grau verfärbt oder beim Draufbeißen plötzlich empfindlich wird. Dahinter steckt ein abgestorbener Zahnnerv, also Gewebe, das nicht mehr durchblutet wird. Das klingt zunächst dramatischer, als es in vielen Fällen ist: Ein abgestorbener Zahn muss nicht sofort gezogen werden und kann häufig noch über Jahre erhalten bleiben. Wichtig ist allerdings, dass man ihn zahnärztlich abklären lässt, denn unbehandelt kann sich daraus eine Entzündung entwickeln. Dieser Ratgeber erklärt, woran man einen toten Zahn erkennt, wie er entsteht, wann er gefährlich werden kann und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt.
Ein Zahn ist von außen betrachtet ein hartes, unempfindliches Gebilde – tatsächlich aber lebendes Gewebe. In seinem Inneren verläuft die sogenannte Pulpa (das Zahnmark), ein feines Geflecht aus Nerven und Blutgefäßen. Diese Pulpa versorgt den Zahn mit Nährstoffen und macht ihn empfindlich für Reize wie Kälte oder Druck. Umgeben wird sie vom Dentin (Zahnbein) und außen vom besonders harten Zahnschmelz.
Von einem toten Zahn – fachlich von einem nichtvitalen oder devitalen Zahn – spricht man, wenn diese Pulpa abgestorben ist und der Zahn nicht mehr durchblutet wird. Mediziner nennen das eine Pulpanekrose. Der Zahn verschwindet dadurch nicht aus dem Mund: Zahnschmelz und Dentin bleiben zunächst erhalten, sodass ein abgestorbener Zahn äußerlich lange unverändert wirken und fest im Kiefer sitzen kann. Genau deshalb bleibt er häufig unbemerkt. Mit der Zeit wird die harte Zahnsubstanz jedoch spröder, und weil die natürliche Abwehr- und Versorgungsfunktion der Pulpa fehlt, können sich Bakterien im Inneren ausbreiten – die Grundlage für spätere Entzündungen. [1]
Das auffälligste äußere Zeichen eines toten Zahns ist eine Verfärbung. Während gesunde Zähne ihren natürlichen, leicht glänzenden Weißton behalten, verliert ein abgestorbener Zahn nach und nach seine Helligkeit und wirkt stumpfer als die Nachbarzähne. Typisch ist, dass sich die Verfärbung von innen heraus entwickelt – der Zahn wird also nicht oberflächlich dunkler wie bei Kaffee- oder Nikotinflecken, sondern aus der Tiefe.
Der Farbverlauf entsteht durch den Zerfall des abgestorbenen Gewebes im Inneren des Zahns. Wenn die Pulpa abstirbt, treten Blutbestandteile in die feinen Kanälchen des Dentins ein und zersetzen sich dort. Anfangs zeigt sich das oft als gräulicher oder leicht gelblicher Schimmer. Manche Zähne nehmen vorübergehend auch einen rötlichen oder bläulichen Ton an, wenn nach einem Unfall Blut in das Zahnbein eingelagert wird. Im weiteren Verlauf kann die Farbe über Grau bis hin zu Dunkelbraun oder Schwarz reichen.
Wie schnell und wie stark sich ein Zahn verfärbt, ist individuell sehr unterschiedlich und hängt davon ab, was das Absterben ausgelöst hat und wie lange es zurückliegt. Manchmal vergehen nur Wochen, manchmal Monate oder Jahre, bis eine deutliche Dunkelfärbung sichtbar wird – eine feste Zeitspanne lässt sich nicht seriös nennen. Wichtig ist: Eine zunehmende Verfärbung eines einzelnen Zahns, vor allem im Vergleich zu den Nachbarzähnen, ist immer ein Grund, zahnärztlich abklären zu lassen, ob der Nerv noch lebt. Häufig ist die Verfärbung das einzige Warnzeichen, das man selbst überhaupt bemerkt, weil ein toter Zahn nicht zwingend Beschwerden verursacht.
Eine spürbare Schwellung der Wange – die sprichwörtliche „dicke Backe“ – ist kein harmloses Begleitsymptom, sondern in der Regel ein Zeichen dafür, dass sich aus dem toten Zahn ein Abszess entwickelt hat, also eine eitrige Entzündung. Ein solcher Abszess entsteht, wenn Bakterien aus dem abgestorbenen, besiedelten Wurzelkanal durch die Wurzelspitze in das umliegende Gewebe vordringen; typische Zeichen sind Schmerzen, Schwellung, Rötung und Eiter im Bereich des betroffenen Zahns. [2] In den meisten Fällen lässt sich eine solche Infektion gut behandeln. Breitet sie sich jedoch aus, kann sie in seltenen, schweren Fällen den ganzen Körper betreffen und bis zu einer Blutvergiftung (Sepsis) führen – ein Grund, eine dicke Backe immer rasch abklären zu lassen.
Ein Schwindelgefühl wird im Zusammenhang mit toten Zähnen zwar häufig gesucht, lässt sich aber nicht direkt als typisches Symptom belegen. Es kann allenfalls indirekt auftreten – etwa als allgemeine Begleiterscheinung bei einer ausgeprägten Entzündung mit Fieber oder durch starke Schmerzen. Schwindel hat jedoch viele mögliche Ursachen und sollte nicht vorschnell allein auf den Zahn zurückgeführt, sondern ärztlich eingeordnet werden.
Ein Zahn stirbt fast nie von heute auf morgen ab. Meist geht ein längerer Prozess voraus, bei dem der Nerv geschädigt wird, sich entzündet und schließlich die Versorgung zusammenbricht. Tiefe Karies und Zahnunfälle gehören zu den wichtigsten Auslösern einer Pulpanekrose. [3] Im Einzelnen sind dies die häufigsten Ursachen:
Rund um tote Zähne kursieren viele beunruhigende Behauptungen – von „Leichengift“ bis hin zur Vorstellung, ein abgestorbener Zahn vergifte schleichend den ganzen Körper. Hier lohnt eine nüchterne Einordnung. Die eigentliche Gefahr geht nicht von einem geheimnisvollen Gift aus, sondern von den Bakterien, die sich im abgestorbenen, nicht mehr durchbluteten Zahn ungehindert vermehren können.
Solange diese Bakterien im Zahn bleiben, ist das Problem lokal begrenzt. Breiten sie sich über die Wurzelspitze in das umliegende Gewebe aus, kann eine Entzündung an der Wurzelspitze (apikale Parodontitis) oder ein Abszess entstehen. Bemerkenswert ist, dass eine solche chronische Entzündung oft ohne Schmerzen verläuft und über lange Zeit unbemerkt bleibt – sie wird häufig erst zufällig auf einem Röntgenbild entdeckt. In seltenen, schweren Fällen kann sich eine akute odontogene Infektion über den Kiefer hinaus ausbreiten und bis zu einer Blutvergiftung führen, wie im Abschnitt zur „dicken Backe“ beschrieben.
Über diese unmittelbaren Folgen hinaus wird diskutiert, ob chronische Entzündungen an Zahnwurzeln auch mit der allgemeinen Gesundheit zusammenhängen. Eine Studie fand eine statistische Verbindung zwischen einer im Röntgenbild diagnostizierten Wurzelspitzenentzündung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, betont aber selbst, dass damit keine Ursache-Wirkungs-Beziehung bewiesen ist und weitere Forschung nötig bleibt. [4] Umgekehrt ist gut belegt, dass bestimmte Allgemeinerkrankungen wie Diabetes die Abheilung nach einer Wurzelbehandlung erschweren können. [5] Mund- und Allgemeingesundheit hängen also zusammen – aber differenzierter, als manche Darstellung von „kranken Zähnen, die Herz, Niere oder Gehirn vergiften“ vermuten lässt.
Für die Praxis heißt das: Ein toter Zahn ist kein Grund zur Panik, aber er sollte nicht auf sich beruhen, sondern zahnärztlich abgeklärt und behandelt werden. Besondere Vorsicht gilt für Menschen mit geschwächtem Immunsystem, denen oft geraten wird, abgestorbene Zähne nicht unbehandelt zu lassen, da Infektionen bei ihnen schwerer verlaufen können.
Ob ein Zahn wirklich abgestorben ist, lässt sich von außen nicht sicher beurteilen – eine Verfärbung ist ein Hinweis, aber kein Beweis. Deshalb kombiniert der Zahnarzt in der Regel mehrere Untersuchungen, um die Vitalität, also die „Lebendigkeit“ des Zahns, einzuschätzen.
Am Anfang steht die Sensibilitäts- oder Vitalitätsprüfung. Dabei wird meist ein mit Kältespray getränktes Wattepellet kurz an den Zahn gehalten. Ein gesunder, vitaler Zahn reagiert auf den Kältereiz, ein abgestorbener Zahn bleibt dagegen reizlos. Beim Perkussionstest klopft der Zahnarzt vorsichtig auf den Zahn; ein auf Klopfen empfindlicher Zahn deutet auf eine Entzündung im Bereich der Wurzelspitze hin. Ergänzend kann ein elektrischer Sensibilitätstest eingesetzt werden, der die Nervenreaktion über einen schwachen Stromreiz prüft.
Wichtig zu wissen ist, dass kein einzelner dieser Tests für sich allein hundertprozentig zuverlässig ist. Nach einem Zahnunfall kann es vorübergehend zu einem Empfindungsausfall kommen, ohne dass der Zahn endgültig abgestorben ist – die Aussagekraft der Tests ist gerade kurz nach einem Trauma eingeschränkt, weshalb zusätzlich auf Verfärbungen und Röntgenveränderungen geachtet werden sollte.[^6] Deshalb wird die Diagnose in der Regel aus mehreren Befunden zusammengesetzt: Untersuchungen an traumatisierten Zähnen zeigen, dass die Kombination mehrerer klinischer Kriterien – Verfärbung, fehlende Reaktion auf Wärme- und Kältereize sowie Klopfempfindlichkeit – am verlässlichsten auf eine Nekrose hinweist. [1]
Den sichersten Aufschluss gibt schließlich das Röntgenbild. Es zeigt, ob sich an der Wurzelspitze bereits eine Entzündung gebildet hat, wie weit der Knochen betroffen ist und in welchem Zustand die Wurzel ist. Erst auf dieser Grundlage lässt sich entscheiden, ob ein Zahn erhalten werden kann oder entfernt werden muss.
Ein toter Zahn lässt sich nicht durch Hausmittel oder Abwarten „heilen“ – die abgestorbene Pulpa regeneriert sich nicht von selbst. Die gute Nachricht ist aber, dass der Zahn in vielen Fällen erhalten werden kann. Welche Behandlung infrage kommt, hängt davon ab, wie weit die Entzündung fortgeschritten ist und in welchem Zustand der Zahn sich befindet. Grundsätzlich gilt der Leitsatz: Zahnerhalt vor Entfernung.
Ein wurzelbehandelter, toter Zahn ist ohne die Versorgung durch die Pulpa spröder und bruchanfälliger als ein lebender Zahn. Vor allem bei stärker geschwächten oder belasteten Zähnen wird er deshalb oft mit einer Krone überzogen, die ihn stabilisiert und vor dem Brechen schützt. Ist im Inneren wenig Zahnsubstanz übrig, kann der Zahn zusätzlich mit einem Stiftaufbau verstärkt werden, bevor die Krone gesetzt wird.
Auch die störende Verfärbung eines toten Zahns lässt sich behandeln. Eine Möglichkeit ist das sogenannte interne Bleaching, bei dem ein Aufhellungsmittel von innen in den wurzelbehandelten Zahn eingebracht wird, um ihn an die Farbe der Nachbarzähne anzugleichen. Alternativ kann der Zahn mit einer Verblendung (Veneer) oder einer Krone überzogen werden. So lässt sich neben der Funktion auch das ästhetische Erscheinungsbild wiederherstellen.
Ist ein Zahn einmal vollständig abgestorben, kann er nicht von selbst wieder „lebendig“ werden – das abgestorbene Nervengewebe regeneriert sich nicht. In diesem Punkt sind die kursierenden Hoffnungen leider unbegründet: Ein nichtvitaler Zahn bleibt nichtvital und braucht eine zahnärztliche Behandlung.
Entscheidend ist aber das Stadium, in dem der Zahn behandelt wird. Bevor der Nerv endgültig abstirbt, durchläuft er oft eine Entzündungsphase. Solange diese Entzündung noch umkehrbar ist – Fachleute sprechen von einer reversiblen Pulpitis –, kann der Nerv unter Umständen gerettet werden, wenn die Ursache (meist die Karies) rechtzeitig beseitigt wird. Es gibt Behandlungsansätze, die darauf abzielen, die Vitalität des Zahnnervs zu erhalten, statt sofort eine Wurzelkanalbehandlung durchzuführen; die Unterscheidung zwischen reversibler und irreversibler Entzündung stützt sich dabei bislang vor allem auf Art und Ausmaß der Schmerzen. [8]
Daraus ergibt sich die wichtigste praktische Schlussfolgerung: Je früher ein Problem erkannt wird, desto eher lässt sich der Zahn – oder zumindest sein Nerv – erhalten. Wer Warnzeichen wie anhaltende Schmerzen, eine zunehmende Verfärbung oder Empfindlichkeit ernst nimmt und früh zum Zahnarzt geht, hat die besten Chancen, einen Zahn zu retten, bevor er endgültig abstirbt.
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